Die Jugend ist nicht demokratiemüde...

12. Oktober 2026

... sondern fühlt sich zu wenig gehört.

Europas Jugendliche brauchen Politiker, die ihr zuhören und sie ernst nehmen. Der Jugend selbst könnten mehr Mut, Geduld und Solidarität untereinander helfen, dass ihre Ansprüche und Ideen besser wahrgenommen werden. Zu diesem Schluss kam eine ebenso bunte wie hochkarätige Diskussionsrunde im Rahmen des diesjährige Salzburg Europe Summit, die sich der Zukunft von Demokratie und jugendlicher Politikbeteiligung in Europa widmete.


>>> zum Video der gesamten Session "Jugend. Demokratie. Europa" hier


Moderator Stephan Schweighofer führte die Diskutanten und das Publikum dabei anhand von vier Fragen, die auch in der aktuellen Ö3-Jugendstudie vertreten sind, zum Kern des Themas. Die 16- bis 25-Jährigen Teilnehmer konnten darüber auch live selbst abstimmen. „Fühlst Du Dich von der Politik gut vertreten“, lautete eine der zentralen Fragen - das Ergebnis lag im Saal mit 50 Prozent „Zufriedenen“ deutlich über jenem der gesamten Jugend Österreichs mit lediglich 20 Prozent. 
 

Maximilian Aigner, jüngstes Mitglied der Salzburger Landesregierung, kennt einige der Gründe für diesen Gesamtbefund. „Die meisten großen politischen Entscheidungen treffen Männer, die über 60 Jahre alt sind. Daher verwundert es sich, dass junge Menschen das Gefühl haben, nicht gebraucht hat und nicht gehört zu werden“, so der Jungpolitiker. Die Jugend beklage nicht zu Unrecht, im politischen Leben nicht wirklich sichtbar zu sein. Dies liege auch daran, dass die von ihr stark forcierten Kommunikationskanäle von der Welt der Erwachsenen zu wenig wahrgenommen bzw. ernst genommen würden.


Wichtig so Aigner wäre es, den Jungen das Gefühl zu geben, dass ihnen zugehört wird, und ihnen auch tatsächlich zuzuhören. Von der jüngeren Generation hingegen sei Geduld einzufordern. „Wir müssen den Jungen klarmachen, dass Politik sehr komplex ist, dass es Durchhaltevermögen erfordert, Dinge zu verändern und zu gestalten“, betonte Aigner.


Auch Anna Kierner, EU-Jugendbotschafterin bei EUROPE DIRECT Land Salzburg, rief in ihrem Statement dazu auf, Frieden, Freiheit und Wohlstand auch in Europa nicht weiter als Selbstverständlichkeit anzusehen. Ihre Generation, so Kierner, sei mit offenen Grenzen aufgewachsen, die vielen Benefits Europas seien für die Jugend keine Frage der „Hoffnung“ und keine „Errungenschaft“, sondern man habe sie lange Zeit als völlig normal erlebt. Nun aber werde der politische Dialog schärfer und die Sicherheit Europas brüchiger.


„Wir erleben wieder die Notwendigkeit, dass wir an den Freiheiten und Möglichkeiten, die wir haben, arbeiten müssen. Wir müssen sie erhalten und mit neuem Leben erfüllen“, so Kierner, die die Politik aufforderte, den großen Beitrag, den die Jugend dazu leisten könne, nicht zu übersehen bzw. zu überhören.

Dass 60 Prozent der Jugendlichen (sowohl im Saal als auch bei der Jugendstudie) betonen, die internationale Lage mache ihnen Angst, verwundert die Experten nicht. Juliane Fürst, Historikerin für den postsowjetischen Raum sowie für Protest- und Jugendkulturen an der Central European University, betonte, dass Angst zunächst „gar keine nicht so schlechte Reaktion“ sei, weil dies von Problembewusstsein künde.


Bei der Bewältigung sehr helfen kann laut Fürst ein Blick auf jene jungen Menschen, die in Diktaturen und autoritären Systemen leben und dort kaum Chancen hätten frei zu kommunizieren. Für sie, so die Professorin der Central European University seien drei Komponenten „überlebenswichtig“:


  • Wissen, denn wer viel weiß, hat weniger Angst und läuft seltener Gefahr, Lügen oder gezielter Propaganda zu erliegen.
  • Gemeinschaft, weil sich zu engagieren, Ziele zu teilen, sich zu verbünden und zu vernetzen den Menschen stärke und ihn bis hin zur gezielten Aktion führen könne.
  • Auf Fakten basierende Narrative, weil sie kollektive Identität schaffen, die nicht in Verschwörungstheorien versinkt.

Mit Optimismus sieht die Zukunft Europas nur die Hälfte der österreichischen Jugend, im Saal waren es immerhin 75 Prozent. Sehen sie die Zukunft Europas optimistisch? Im Saal 75 Prozent Bejahung, in der Jugendstudie nur die Hälfte der Befragten.


Karina Radschenko, Doktorandin an der Universität Salzburg, Autorin und Jugenddelegierte beim Europarat verwies diesbezüglich auf ihre Heimat Ukraine und unterstrich, wie sehr die Jugend dort die Zukunft mit Optimismus sehe. „Wir müssen im Krieg unser tägliches Leben bewältigen, das fordert uns sehr heraus. Vieles liegt in der Hand der Jungen, wir müssen sehr initiativ sein und das geht nur mit Optimismus“, so Radschenko. Niemand in der Ukraine wisse, wie lange der Krieg dauert und was danach komme.


„Und trotzdem geben wir nicht auf. Denn die Jugend hat das Gefühl, schon längst mit dem Wiederaufbau beschäftigt zu sein. Wir denken nur an ein besseres Morgen.“

So paradox der Befund in einem demokratischen, freien Land auch sein mag – nur 55 Prozent der heimischen Jugendlichen finden, dass sie ihre Meinung frei äußern dürfen. (Im Saal waren es 75 Prozent.)


Shiva Shabanian,
die als Exil-Iranerin weiß, was es bedeutet, seine Meinung nicht sagen zu dürfen, plädierte in ihrem Statement dafür, die Frage umformulieren: Habe ich das Gefühl, dass meine Meinung verstanden bzw. akzeptiert wird? Das treffe wohl eher die aktuelle Befindlichkeit in Europa, so die iranisch-österreichische Wissenschaftlerin und Aktivistin (IRANO).


„Die Jugend hat einerseits das Gefühl haben, alles sagen zu können, sie fühlt aber andererseits, dass nicht alles erwünscht ist, beziehungsweise dass vieles nicht verstanden und/oder akzeptiert wird. Sie fühlen sich nicht gehört und nicht ernst genommen“, konstatierte Shabanian. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit, wie sie in Europa herrschen, würden für die Älteren die Verpflichtung beinhalten, dass sie versuchen, die Jungen zu verstehen und ihre Standpunkte nachzuvollziehen.


„Tun sie das nicht, wird die Jugend das Interesse verlieren, am politischen Prozess und am Gestalten der Gesellschaft teilzunehmen“, warnte die iranische Exilantin.

Unbestritten war unter den Diskutanten die Rolle der Sozialen Medien bei der Frage der Teilnahme der Jugend an der politischen Kommunikation und an den Gestaltungsprozessen.


Social Media sein ein gutes Werkzeug dafür. „Wenn es keine Einladung gibt zu dem Tisch, an dem die „Mächtigen“ diskutieren, dann müssen wir selbst eine Plattform gründen und dazu einladen. Wir haben mit den digitalen Plattformen eine Chance, die es früher nie gab, nämlich Öffentlichkeit zu schaffen“, so die Ukrainerin.


Wesentlich erschwert, ja oft lebensbedrohend sind diese Aktivitäten für Menschen im Iran, aber auch für Exil-Iraner und -iranerinnen. „Alle Iraner, die im Exil leben, wollen helfen, indem sie ihre Stimme erheben. Doch auch hier in Europa ist das gefährlich. Wir werden bedroht. Und erst recht gefährlich ist es für unsere Familien im Iran“, schilderte Shiva Shabanian. Mit den echten Namen im Netz aktiv zu sein, sei für viele unmöglich - es wäre ein Todesurteil. Daher hätten alles, auch im Exil, viele Fake-Profile. Die zunehmende Verifizierungs- und Klarnamenpflicht auf den großen internationalen Kommunikationsplattformen seien in diesem Kontext ein großes Hindernis für den Widerstand, bedauerte Shabanian, die dennoch zuversichtlich bleibt:


„Wir sind acht Millionen Exil-Iraner. Und wenn alle aktiv sind, sind wir schwer bekämpfbar. Vielleicht können genau hier die Europäer etwas von uns lernen: Solidarität ist die Mutter der Demokratie und der Freiheit.“


>>> zum gesamten Video der Diskussion "Stirbt Europa aus" hier


Fotocredit: Franz Neumayr

 

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