Stirbt Europa aus?

12. Oktober 2026

Der demographische Wandel – eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte 

Führen die rasant steigende Kinderlosigkeit und die steigende Lebenserwartung zu einer demographischen Katastrophe für Europa? Wird die immer geringer werdende Quote an zum Zusammenbruch unsere Sozialsysteme führen? Diesen Fragen ging ein, von Journalistin Heidi Huber exzellent moderiertes, Expertenpodium zum Auftakt des diesjährigen Salzburg Europe Summit auf den Grund und förderte hochinteressante Zusammenhänge zutage.


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„Europa wird nicht aussterben, aber es wird älter und die Bevölkerungszahl wird sinken.“ Dieser Befund sei laut S
ebastian Klüsener vom Deutschen Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), ganz eindeutig. 

Dazu liegen laut Klüsener valide Zahlen vor: Aufgrund von Migration wächst die Bevölkerungszahl von derzeit etwa 451 Millionen (inkl. Russland) noch bis 2029 an, dann wird sie sinken. Im Jahr 2100 wird Europa um gut 54 Millionen Einwohner weniger haben (ca. zwölf Prozent).

Im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit bringe dies für Europa vor allem gegenüber Afrika, dem westlichen Asien und Lateinamerika Nachteile, wo die Bevölkerungspyramiden vorteilhaft „jung“ seien. Die Zahl der über 65-Jährigen sei in Afrika derzeit noch sehr gering, so Klüsener.


Die heute weltwirtschaftlich gemeinsam mit Europa führenden Regionen, nämlich Ostasien und Nordamerika hätten hingegen teils ähnlich dramatische Prognosen wie Europa, beziehungsweise sogar noch schlechtere. Bereits deutlich vor 2100 werde der drastischste Alterungsprozess in Ostasien massiv zu bemerken sein. Hauptgrund dafür sei der Geburtenrückgang in China. Für 2100 rechne man dort mit gleich vielen unter 65-Jährigen wie über 65-Jährigen.
Nordamerika hingegen werde in den kommenden Jahrzehnten noch wachsen, die Alterung greife dort aber ebenso um sich, nicht zuletzt wegen der schnell steigenden Lebenserwartung.


Auch dank mehrerer Zuwanderungswellen habe es Europa lange geschafft, trotz relativ hohem Wohlstandsniveau eine hohe Geburtenrate zu bewahren, so Klüsener. Dies gelte vor allem für Länder wie Frankreich, Schweden und dem Vereinigten Königreich (etwa zwei Kinder pro Frau). Der DACH-Raum liege im Mittelfeld, Polen und vor allem Italien hätten bereits heute mit Geburtenraten unter 1,5 zu kämpfen. Europa stehe somit relativ robust da – etwa im Vergleich zu Ostasien, aber auch im Vergleich zur Türkei und anderen muslimischen Staaten, in denen die Geburtenraten zuletzt völlig eingebrochen seien.


Das rasche „Aussterben“ Europas werde neben der Zuwanderung auch durch die steigende Lebenserwartung verhindert. „Diese Steigerung wird weitergehen. Prognosen gehen davon aus, dass wir 2100 in Europa im Schnitt bei einer Lebenserwartung von über 90 Jahren liegen werden“, so Klüsener.
Daran würden sich freilich auch zahlreiche inhaltliche Fragen knüpfen, etwa wie viele dieser „gewonnenen“ Jahre die Menschen bei guter Gesundheit bzw. im (dann länger andauernden) Arbeitsprozess verbringen würden.

Die Notwendigkeit, nicht nur die Bevölkerungszahlen zu stabilisieren, sondern zudem auch ausreichend viele Menschen im Arbeitsprozess zu halten, unterstrich Stephan Marik-Lebeck, Leiter der Abteilung Demografie und Gesundheit bei der Statistik Austria. „Die solidarischen Sozialsysteme können nur aufrechterhalten werden, wenn an drei Schrauben gleichzeitig gedreht wird: Das Pensionsantrittsalter muss langsam steigen, es braucht ein gewisses Maß an Zuwanderung und die Geburtenrate sollte sich stabilisieren“, so Marik-Lebeck.  


Genauso wie Sebastian Klüsener empfahl auch der Wiener Demograf, den Blick verstärkt auf regionale Unterschiede zu werfen. Deutschland werde 2035 in den urbanen Zonen ein Verhältnis von 1,6 Erwerbsfähigen zu einem „Abhängigen“ (junge Menschen, Rentner etc.) haben, in entlegenen ländlichen Regionen steuere man auf 1,2 zu 1 zu. Grund dafür sei vor allem Kinderlosigkeit, speziell von Männern aus materiell schwächeren Bevölkerungsgruppen. Diese „unzufriedenen“ Gruppen könnten zunehmend zu einem Problem für die Politik werden, warnten die Experten.


Mit interessanten qualitativen Fakten zur Kinderlosigkeit konnte Martin Fieder, Anthropologe an der Universität Wien, aufwarten. Besonders auffällig: Männer sind öfter kinderlos als Frauen, vor allem Männer „an den Rändern der Gesellschaft“ – ein Phänomen, das auch Fieder zunehmend zum Problem werden sieht. „Nach wie vor ist es in Europa so, dass das Gehalt des Mannes über die Kinderzahl der Frau entscheidet. In dieser Spirale liegt wohl auch ein Teil der Lösung, wenn über sinkenden Geburtenraten gesprochen wird“, betonte Fieder.


Darüber hinaus lohne ein Blick auf die Alterskomponente, denn der Anthropologe ist überzeugt: „Je später das erste Kind kommt, umso weniger werden es insgesamt. Der Trend, zuerst Ausbildung und Berufseinstieg hinter sich zu bringen und erst danach Kinder zu bekommen, ist ein sehr problematischer Prozess, aus biologischen Gründen aber auch aus sozialen“. 


Fieder plädierte daher – wie auch seine Mitdiskutanten – dafür, das staatlicherseits mehr Vorsorge dafür betrieben werde, jüngeren Erwachsenen das frühere Elternwerden zu erleichtern und Hürden finanzieller oder rechtlicher Art (etwa am Ausbildungsweg) aus dem Weg zu räumen. 



Erich Striessnig, Vorstand des Instituts für Demografie an der Uni Wien, sieht die Kleinfamilie (mit einem Kind) bzw. die Kinderlosigkeit nicht grundsätzlich als gesellschaftliches Problem, denn „dahinter stecken auch die völlige Wahl- und Entscheidungsfreiheit aller Männer und Frauen in Sachen Familienplanung – ein positiver Fortschritt und eine Qualität, die es jahrtausendelang nicht gab“.  Der Staat und die Wissenschaft sollen sich nicht zu sehr in die privaten Lebenseinstellungen einmischen. Jedoch solle der Staat Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich junge Menschen für mehr oder überhaupt Kinder entscheiden.

Problematisch würde Striessnig sehen, dass durch weniger junge Menschen die Innovationskraft von Staaten, und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit, schrumpft. Ob mehr Kinder bekommen alleine das Problem löst, sieht der Demograph kritisch: Ein Kind das heute geboren wird, würde erst in 25 Jahre in den Arbeitsprozess einsteigen - bis dahin würde man in Bildung, Ausbildung investieren müssen. Vermeidung der Schrumpfung allein sei kein Allheilmittel. Man müsse die Erwerbsfähigkeit der aktuellen Bevölkerung steigern.

Gudrun Kugler, Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat und OSZE-Beauftragte für den demografischen Wandel, unterstrich die Tatsache, dass die Zahl der Kinder pro Familie gar nicht so stark sinke. Die Zweikindfamilie sei nach wie vor das häufigste Familienmodell. Dramatisch gestiegen sei aber die Zahl der kinderlosen Frauen von 4 auf 38%. Hier müsse die Politik gesellschaftlich gegensteuern und die Ursachen genau hinterfragen.


Den Versuch, die Bevölkerungspyramide über Zuwanderung im Lot zu halten, hält Kugler hingegen für eine verfehlte Strategie. „Migranten passen sich sehr schnell an das Geburtenniveau der Zuwanderungsländer an, daher kann Zuwanderung das Schrumpfen der Bevölkerung, vor allem aber den Rückgang der qualifizierten Erwerbsbevölkerung allein nicht bremsen“, so die österreichische Abgeordnete. 

Einigkeit herrschte unter den Diskutanten über zwei Fakten, die zum Teil mittlerweile auch wissenschaftlich stark behandelt werden.


Erstens: Der Anstieg der Kinderlosigkeit und das lange Singlebleiben bei Frauen, vor allem bei höhergebildeten Frauen ist mit der Marktdurchdringung von Smartphones und Social Media sprunghaft gestiegen – und zwar fast überall in der Welt. „Zu viel Wahlfreiheit schafft Langzeitsingles und senkt die Geburtenrate“, sagen dazu die Fachleute. Früher hätten sich spätere Ehepaare Paare oft noch im Teenageralter kennen und lieben gelernt, die „Auswahl“ sei ohne moderne Medien auch relativ kleiner gewesen als heute. Dank Tinder, Snapchat & Co. würden junge Menschen der Gegenwart hingegen das Gefühl haben, das „Matching“ immer noch mehr verfeinern und verbessern zu können und zu müssen. „Es wird einem sehr leicht gemacht, sich im Zweifelsfall halt den oder die Nächste(n) anschauen zu können, und am Ende bleibt man als Single übrig.“


Zweitens: Die Diskussion und öffentliche Wahrnehmung von „Kinder haben“ und „Kinder bekommen“ sei in der gesamten westlichen Welt tendenziell eine problembezogene, bedauerten die Fachleute am Podium. Hürden und Schwierigkeiten, Mehrfachbelastung und Überlastung stünden stark im Vordergrund der öffentlichen Diskussion und würden das Thema Familie und Kinder betont negativ konnotieren. „Familie wird primär als als enorm einschränkende Herausforderung kommuniziert, nicht als potenziell bereichernder, sinnstiftender und erfüllender Lebensinhalt, was naturgemäß die Lebensplanung junger Menschen beeinflusse".



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Fotocredit: Franz Neumayr

 

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